Das Buch zum Haus
Bauen ist nichts für Feiglinge!
Zwischen Handwerkerchaos und Behördenwahnsinn · Anja Erben · BeBra Verlag
Die Ärztin Anja Erben gerät durch einen Zufall in die Rolle der Bauherrin – und muss schon bald feststellen, dass der Bau von Servicewohnungen für Senioren weit mehr ist als eine logistische Herausforderung.
In diesem witzigen und zugleich bitteren Bericht nimmt sie uns mit auf ihre Odyssee durch die Absurditäten der Bauwelt und schildert die grotesken Erfahrungen mit Handwerkern, Behörden und Anwohnern. Statt sich dem Chaos zu ergeben, begegnet sie den täglichen Katastrophen mit schwarzem Humor und Berliner Schnauze.
Anja Erbens Erfahrungsbericht ist zugleich ein Appell an die Politik und eine Warnung an angehende Bauherrn. Wer verstehen will, warum in Deutschland zu wenig und zu langsam gebaut wird, sollte dieses Buch lesen.
„Jetzt, da alles vorbei ist, schaue ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurück. Nachträglich drängte sich der Gedanke auf, einen über weite Strecken unfreiwillig amüsanten Erfahrungsbericht niederzuschreiben und in ein Buch zu bringen."
— Anja Erben, aus dem Vorwort
Fachärztin für Innere Medizin, Bauherrin und Autorin. Sie hat das Haus Irene in Berlin-Lichtenberg geplant, gebaut und zum Leben erweckt.
Leseprobe
Zum Geleit
Dieses Buch erzählt von einem Bauprojekt. Meinem Bauprojekt.
Von Beruf bin ich Ärztin für Innere Medizin. Ich ließ mich in Berlin-Lichtenberg nieder und betrieb dort achtzehn Jahre lang eine Praxis. Als unweit von dieser die Stadt eines Tages ein Grundstück inklusive der darauf befindlichen verfallenen DDR-Kita zum Verkauf anbot, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe. Ich ließ den verwitterten Kindergarten sanieren und eröffnete schließlich eine Einrichtung für betreutes Wohnen. Das Konzept funktionierte, die Apartments waren stets ausgebucht. Derweil lernte ich meinen jetzigen Mann Hans-Werner kennen. Gemeinsam beschlossen wir, auf der ungenutzten Brache nebenan einen Neubau hochzuziehen, unsere moderne »Einrichtung für Servicewohnen« zu erweitern. Der Bedarf an altersgerechten Wohnformen ist riesig in Berlin.
So wurde ich Bauherrin – und der Irrsinn begann. Hätte ich geahnt, in was ich mich hineinstürze, hätte ich mich wohl kaum darauf eingelassen. In Berlin zu bauen, ist kein Zuckerschlecken. Die Scherereien nahmen kein Ende. Einen Regalmeter nach dem anderen füllten die dicken Aktenordner, in denen ich den Schriftverkehr rund um unsere Baustelle abheftete. Als das Haus stand, waren unsere Energiereserven restlos aufgezehrt. Was waren wir froh, dass wir es ohne Herzinfarkt, Scheidung, Depression oder Burnout überstanden hatten.
Mit dem nötigen Galgenhumor betrachtet, entbehren der bürokratische Irrwitz, dem wir uns ausgesetzt gesehen haben, der bizarre Handwerkerpfusch, die grotesken Anwohnerbeschwerden und die absurden Bauauflagen nicht einer gewissen Komik. Jetzt, da alles vorbei ist, schaue ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurück. Nachträglich drängte sich der Gedanke auf, einen über weite Strecken unfreiwillig amüsanten Erfahrungsbericht niederzuschreiben und in ein Buch zu bringen.
Es ist eine Chronik, die sich auf viele Arten lesen lässt: als Tagebuch, als kafkaeskes Protokoll, als händeringender Appell an die Politik, als warnende Handreichung für Bauherren. Unerschrockene, die sich in ein ähnliches Vorhaben stürzen möchten, sollten gewappnet sein: Bauen in Berlin ist nichts für Feiglinge!
Eine Zufahrt ist kein Eingang
Wir hatten nicht damit gerechnet, wie schwierig es sein würde, zu Fuß an unser neu gebautes Haus heranzukommen. Das Grundstück liegt am Rosenfelder Ring, ein Straßenrund mit circa 1,5 Kilometer Umfang. Der Ring selbst ist eine Autostraße und umschließt eine grüne Insel, die von Parkwegen durchkreuzt wird. Die einzelnen Grundstücke grenzen hinten an den Park und vorn an die Hauptstraße.
Auch unser Grundstück wird an zwei Seiten von der Grünfläche flankiert, an die dritte schließt das Nachbargrundstück an und unser Neubau steht parallel zur vierten Seite, an der sich die Hauptstraße befindet. Angesichts dieser Lage hielten wir es für sinnvoll, den Eingang zum neuen Haupthaus direkt am Rosenfelder Ring zu planen. Auch im Bauamt teilte man diese Auffassung und machte den straßenseitigen Eingang gar zur Voraussetzung für die Erteilung einer Baugenehmigung. Ein Zugang für Fahrzeuge existierte bisher nur am jenseitigen Ende des Grundstücks. Es handelte sich um eine Stichstraße, die vom hinter den anderen Grundstücken gelegenen Rosenfelder Ring abging und auf einen Parkplatz führte. Von dort waren es gut 80 Meter Fußweg zum Neubau. Zudem stand »Haus Anna« im Weg. Die 67 Wohnungen, die wir gerade bauten, lagen somit recht abgeschnitten. Ein ungünstiger Zustand, bedachte man, dass Krankenwagen und -transporte, Versorgungsfahrzeuge sowie – so realistisch musste man bleiben – hin und wieder ein Leichenwagen oder die Feuerwehr Zugang benötigen würden.
Wie praktisch, dass der diesseits liegende Abschnitt des Rosenfelder Rings nur fünf Meter entfernt von der Grundstücksgrenze verlief. Genug Platz für eine Einfahrt war da und es wurde sogar noch besser: Es war nicht nur Platz für eine Einfahrt da, sondern die Einfahrt selbst! Bereits zu DDR-Zeiten musste es Planungen gegeben haben, auf dem Grundstück einen weiteren Kindergarten zu bauen. Der Eingang war betoniert und eine Absenkung zur Straße angelegt worden. Ein fertiger Zuweg, eine Feuerwehrzufahrt. Da ließ sich doch was draus machen.
Theoretisch. Die zuständige Behörde bremste uns aus. Da der fünf Meter breite Streifen zwischen Straße und Grundstück offiziell ein Grünstreifen war, fanden wir uns erneut im Grünflächenamt wieder. Dort schlug man angesichts unseres Vorhabens die Hände über dem Kopf zusammen. »Sie können doch nicht auf unsere Grünflächen drauf!« Dass die Zufahrt längst gebaut war, spielte überhaupt keine Rolle. Genehmigt werden konnte sie trotzdem nicht.
Gerade als ich die Hoffnung auf eine Zufahrt aufgeben wollte, zog ich das große Los: Der Himmel schickte mir einen Engel. Einen Behördenmitarbeiter, der mir ehrlich helfen wollte und sogar wusste, wie. Mit diesem einen Mann im Grünflächenamt hatte ich Glück. »Wissense wat?«, sagte er zu mir, »wir widmen einfach ein Stückchen Jrünstreifen in Straßenland um und dann könnses koofen.« Das war die Rettung. Nachdem die Umwidmung vollzogen war, kaufte ich 100 Quadratmeter Straßenland hinzu. Es kostete eine Stange Geld, rund 40.000 Euro. Aber das war fast schon egal. Ich würde eine legale Zufahrt bekommen!
Was ich erst noch lernen musste: Einen Eingang hatte ich damit noch lange nicht. Eine Einfahrt ist nämlich kein Eingang. Fahrzeuge durften hindurch, Fußgänger aber nicht. Diese Absurdität wurde damit begründet, dass sich zwischen Grünstreifen und Straße kein Fußweg befand, sondern nur Straßenbegleitland. Man lernt nie aus.
Um es kurz zu machen: Der Kampf um die Zauntür zog sich über Wochen. Nach heftigen Kontroversen bekamen wir für unsere Pforte schließlich eine Sondergenehmigung. Durch sie erreichte nun jedermann mit drei Schritten die Hauptstraße, kaum fünf Meter von unserer fußgängeruntauglichen Zufahrt entfernt. Über die Straße geht es dann wie eh und je ohne Fußgängerüberweg.
Epilog – Schlimmer geht immer
Scherz beiseite: Ständig wird geklagt, dass in Deutschland zu wenig und zu langsam gebaut wird. Ich persönlich ahne inzwischen, woran das liegt. Mein Vertrauen in Ämter und Behörden ist vollständig verlorengegangen. Ich bin überzeugt, dass sie die Hauptverantwortung für den Baustau tragen. Weil sie Verhinderungspolitik betreiben, wie mein Mann sagt. Es stimmt: Sie bewilligen nicht, sie behindern. Man erreicht niemanden. Man wartet Monate auf Antwort. Vieles wird grundsätzlich und ohne Begründung abgelehnt. Niemand muss sich dafür rechtfertigen.
Um in Berlin zu bauen, braucht es Selbstverantwortlichkeit. Wer keinen eisernen Willen und die nötige Portion Galgenhumor besitzt, sollte die Finger davon lassen. Ohne Eigeninitiative und Mut zu kreativen Alleingängen käme man schlicht nicht voran. Wer in dieser Stadt unterwürfig auf eine Genehmigung nach der anderen wartet, wird irgendwann wahnsinnig und gibt auf.
Das Buch ist auch direkt im Haus Irene, Rosenfelder Ring 23, 10315 Berlin-Lichtenberg erhältlich.